Buchrezensionen

Mario Kramp: Köln/Nil - Die abenteuerliche Orient-Expedition des Kölners Franz Christian Gau 1818-1820, Wienand Verlag 2013

Im Jahr 2013 widmete das Kölnische Stadtmuseum dem Architekten Franz Christian Gau, einem Sohn der Stadt, eine ganz besondere Ausstellung: Denn in jungen Jahre unternahm Gau eine Orient-Expedition, die ihn bis ins damals weitgehend unerforschte Nubien führen und zu seinem großen Abenteuer werden sollte. Seine Erfahrungen und Bildeindrücke verarbeitete er in Zeichnungen und Aquarellen. Den Katalog zur Ausstellung hat sich Raiko Oldenettel angesehen und er ist bei aller Kritik durchaus angetan.

Mario Kramp: Köln/Nil © Cover Wienand
Mario Kramp: Köln/Nil © Cover Wienand

In dem Moment, in dem man die Worte »Orient« und »Beginn des 19. Jahrhunderts« miteinander verbindet, öffnet sich vor einem ein reichhaltiges Bilderbuch aus antiquierten Vorstellungen, träumerischen Abenteuerreisen und den Waagschalen der Politik einer Landschaft, die mit jedem Sandkorn in eine andere Richtung auszuschlagen schien. Mitten hinein in diese Jahrtausende alte Welt gebar Franz Christian Gau die Idee einer Expedition, die mit felsgleicher Masse Wellen in die Wasser der europäischen Wissenschaft schlagen sollte.

Zumindest könnte man es sich zunächst in dieser Weise vorstellen. Mario Kramp schildert auf 128 Seiten, samt Anhang und Anmerkungen, wie der junge Student und Kölner Gau sein Leben auf den Kopf stellt, sich sogar in Gefahr bringt und dabei einen Haufen Schulden ansammelt, der ihn Jahrzehnte nach seinem Ausflug in den Orient noch verfolgen sollte. Die charmanten Ausführungen des Autors sind logisch an einer Perlenschnur aufgeknüpft. Der Leser folgt dem Hin-, wie auch dem Rückweg des Archäologen durch das unerschlossene Nubien, begleitet von Aquarellen und Zeichnungen aus seiner Feder. Von Beginn bis Ende der Reise und anschließenden Erkundungen Jerusalems und Palästinas gewinnt man einen soliden Eindruck von den Strapazen, aber auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Reise.

Doch wir stoßen auch an etliche Probleme, die der kleine Band mit sich bringt. Unter dem Zeichen der deutsch-französischen Beziehungen und dem besonderen Jahr 2013 in welchem diese befeuert wurden, wird aus Franz Christian Gau das Abbild eines Mannes, den man so gar nicht aus den übrigen Kommentaren seiner Tagebücher erkennen kann. Er wird bezeichnet als eine Figur des schweren Austauschs zwischen Frankreich und Preußen – doch dieser Austausch ist reiner Eigennutz, wie wir erfahren. Um seine Schulden zu tilgen, bandelte Gau sowohl mit Preußen für Stipendien an, wie er auch später dem ach so geliebten Vaterland die kalte Schulter zeigte.

Bleiben wir zunächst einmal bei den Problemen, bis das durchaus angebrachte Lob fällt: Der Band ist ein Querformat und daher recht unhandlich, was sicher keiner Erwähnung wert wäre, wenn man sein Potential dennoch genutzt hätte. Leider verkommen aber viele der kleinen Abbildungen in Kästchen. Ihre Wirkung geht verloren, kann doch keiner entziffern, was Gau dort gezeigt hat. Nein, das geht anders. Ganzseitige Abbildungen finden wir meist bei den Aquarellen und dann in der Regel zu Beginn eines Kapitels. Eine detaillierte Zeichnung, die einem Gelegenheit gibt, sich mit Gaus Arbeitsweise oder mit der seiner Kupferstecher auseinanderzusetzen, fehlt leider völlig. Der Text und die Bilder gewähren sich jeweils derart viel von einer Seite, dass keines davon den Fokus ausmacht. Das Buch ist auch keine bebilderte Reiseanleitung, denn dazu müssten wir jederzeit an eine der ersten Seiten für die Karte zur Übersicht blättern. Vielmehr stellt es eine Sammlung von Eindrücken dar, die wehmütig werden lassen, dass man seinerzeit die Ausstellung nicht besuchen konnte.

Darüber hinaus begegnet uns noch etwas im Katalog, das zwar typisch, aber vielleicht vollkommen unnötig ist: Exkurse in die ägyptische Archäologie. Die andersfarbigen Seiten zeigen Tempel, Grabbeigaben und sicherlich ein wenig von alledem, was die Ausstellung neben den aufschlussreichen Werken von Gau zu bieten hatte. Leider sind sie so lieblos und anorganisch zwischen die Zusammenfassung der Reise und der anschließenden Verlagsgeschichte gequetscht, dass beim Umblättern der rote Faden fast schon mit roher Gewalt durchschnitten wird. Exkurse sind notwendig und können Spaß machen, besonders für jüngeres Publikum und Wissenshungrige, aber wenn schon weit nach Gaus geistiger Eroberung der Ruinen, nämlich auf den Seiten mit seiner Pilgerreise in Jerusalem, ein Schlenker durch Bestattungsriten gemacht wird, dann wird Wissen nicht vernetzt – es wird unterbrochen.

Wenn man dies so liest, könnte man sich vorstellen, dass dieser Katalog aus Kramps Feder kein gutes Buch ist. Doch das ist ein Trugschluss. Wenn man die Frage nach Gewichtung von Bild und Text, von Format und von stiefmütterlich eingestreuten Exkursen weglässt, dann blüht vor uns eine ganz wunderbare Figur auf. Sicherlich, Gau selbst schrieb seine spannende Geschichte und Mario Kramp nimmt sich ihrer lediglich an, doch tut er das auf eine Weise, die Spaß macht und den Leser willig die nächste Seite aufschlagen lässt: Er verleiht der Materie den nötigen Witz. Die Komposition mit den Ausschnitten der Tagebücher ist nicht nur herzerwärmend menschlich, sie belebt auch eine Materie, die uns zweihundert Jahre entfernt ist und weist auf die Wichtigkeit von Gaus nicht ganz uneigennützigen Reisen hin. Ich empfehle dieses Werk jedem, der Franz Christian Gau nicht kennt und etwas über seine Stellung in der Wissenschaftsgeschichte lernen möchte. Freunden reich bebilderter und ausführlicher Besprechungen von Ausstellungen rate ich allerdings ab, dieses Buch zu kaufen.