Ausstellungsbesprechungen

Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945, Deutsches Historisches Museum, Berlin, bis 10. Februar 2013

Wie möchten wir leben, woran orientieren wir uns und welche Verantwortung haben Politik, Staat und Gesellschaft? Diese und viele weitere Fragen rund um das Thema Freiheit werden im Untergeschoss des Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums anhand von 113 Kunstwerken aus 28 Nationen zur Diskussion gestellt. Anne Levke Vorbeck hat einen Rundgang gemacht.

Ursprünglich sollte es in der 30. Ausgabe der Europaratsausstellung um das Thema „Kunst und Kalter Krieg“ gehen. Man entschied sich jedoch dagegen, die Kluft zwischen Ost und West zu thematisieren und machte sich vielmehr zum Ziel, das Vereinende der Kunst in den unterschiedlichen Systemen nach 1945 darzustellen. Den ideengeschichtlichen Unterbau für dieses Vorhaben bilden die Werte der Aufklärung, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder allerorts proklamiert wurden. Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte wurden auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zu Utopien, die in der Praxis nicht immer umgesetzt werden konnten. Das Auseinanderfallen von Anspruch und Realität wird in der Kunst der letzten Jahrzehnte sichtbar und wird in dieser Ausstellung erfahrbar gemacht.

In zwölf Kapiteln werden die unterschiedlichsten Aspekte der gesellschaftlichen und sozialen Realität im Europa der Nachkriegszeit verhandelt. Zu Beginn steht die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vernunft. Der Neonschriftzug »Je vous salue Marat« (Gegrüßet seist Du Marat) in den französischen Nationalfarben von Ian Hamilton Finlay erinnert an die Schattenseiten der neu gewonnenen Freiheit, die auf die Verabschiedung des absolutistischen Systems folgte. Die Erkenntnis dieser Ambivalenz kann als programmatisch für die gesamte Ausstellung angesehen werden.

Es folgen Abschnitte in denen es um den Umgang mit der jüngst vergangenen Geschichte und noch immer gärenden Konflikten geht. Die verdrängten Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust werden in Arbeiten von Günther Uecker, Anselm Kiefer und Christian Boltanski ans Licht geholt. Staatsterror wird auch in Nikita Kadans Darstellungen von auf Porzellan gedruckten Foltermethoden und Fotografien aus einem Stasi-Gefängnis von Jane und Louise Wilson zur Schau gestellt.

Ein Kapitel das nach seinem Kernstück, dem Foto »99 Cent« von Andreas Gursky, benannt ist, beschäftigt sich mit den tückischen Freiheitsversprechen, die der Konsum- und Warenwelt zu Grunde liegen. Ökologische Themen (denn auch das Recht auf eine saubere Umwelt ist Bestandteil der Erklärung der Menschenrechte) werden unter anderem mit Arbeiten von Christo oder Svein Flygari Johansen aufgegriffen.

Ab der Hälfte der Ausstellung gerät das Individuum immer mehr in den Blickpunkt. Die Befragung von Lebenswelten in Europa wird in den Arbeiten von Absalon, Andreas Slominski, Mario Merz und Donald Rodney auf völlig unterschiedliche Weise verhandelt. Letzterer findet mit seinem aus eigener Haut gebastelten Miniaturhäuschen ein eindringliches Bild für die Sehnsucht nach Schutz und Sicherheit des Einzelnen.
Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet der vorletzte Abschnitt »Selbsterfahrung – Grenzerfahrung« mit Werken von u. a. Francis Bacon, Maria Lassnig und Oleg Kulik, die allesamt die Verortung des eigenen Selbst in einer von Bedrohungen gekennzeichneten Welt zum Gegenstand haben.

Eine Länderunterteilung oder eine chronologische Abfolge gibt es in der Ausstellung nicht. Ein facettenreiches Bild tritt so auch innerhalb der einzelnen Abschnitte zu Tage, in denen keine Antworten geliefert werden, sondern Diskussionsstoff. Zugegeben, es fällt nicht immer leicht, den Gedankengängen der Ausstellungsmacher zu folgen, aber schließlich kann sich jeder Besucher die Freiheit nehmen und die Ausstellung einfach als das betrachten was sie vor allem auch ist: eine hervorragende Schau zur europäischen Kunst nach 1945 mit zahlreichen Meisterwerken.

Zur Vertiefung in die theoretischen Konzepte, die der Ausstellung zu Grunde liegen, ist der umfangreiche Katalog mit Texten von u. a. der Kuratorin Monika Flacke und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp zu empfehlen. Zusätzlich zu der gedruckten Ausgabe ist ein erweiterter elektronischer Katalog erschienen, der weitere Abbildungen, Videos und ausführliche Essays zu jedem Werk enthält.