Ausstellungsbesprechungen

Déjà-vu? – Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 5. August 2012

Das Phänomen des Kopierens ist so alt wie Kunst selbst. Um die verschiedenen Facetten der Kopie sichtbar zu machen, spannt die Ausstellung den Bogen von der Kunst des späten Mittelalters über die Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst und zur Welt des Internet. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Da kam die Madrider Mona Lisa gerade recht in die Nachrichtenmeldungen, um – nebenbei – zu demonstrieren, wie aktuell die Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle unter dem Zeichen des Déjà-vu ist. Ohne unmittelbaren Zusammenhang vernahm die Welt von der temporären Begegnung der beiden Darstellungen von Mona Lisa, einmal von Leonardo, die andere Version offenbar aus dessen Umfeld. Bislang war man sich über die »handschriftlich« enge Verwandtschaft nicht im klaren, entsprechend schattenhaft fristete die andere Gioconda ihr Dasein im Prado. Die spektakuläre Schau in Karlsruhe macht nicht mehr und nicht weniger, als nahe und ferne Verwandte ein und desselben Motivs auf eine Bühne zu heben und den Hintergründen dieser dubiosen Liaisons nachzuspüren. Denn es ist schon spannend zu beobachten, dass einmal die Fassungen gleichwertig an der Geschichte teilhaben – und das zuweilen über Jahrhunderte hinweg –, ein anderes Mal tut sich ein dramatisches Gefälle bei der Wahrnehmung des Originals im Verhältnis zu einem wie auch immer gearteten Nachbild auf, dann wieder gewinnt selbst die Kopie in der Geschichte die Oberhand.

Jenseits der Urheberrechtsdebatte ist jede Nachahmung, die legalen wie die illegalen, eine Form der Wertschätzung vor dem einen, einzigen Vorbild. Selbst die Fälschung will sich ja im Wert des Originals sonnen, wenn auch mit unlauteren Gesinnungen. Doch die stehen gar nicht oben auf dem Programm, sondern vielmehr die Künstler im Geiste Dürers (der sich durchaus rechtlich gegen Fälscher seines Monogramms zur Wehr setzte), der in der kreativen Nachahmung eine Grundader der künstlerischen Entwicklung erkannte. So ist es nicht nur überraschend zu verinnerlichen, wie sich angesichts eines Max-Liebermann-Bildnisses nach Frans Hals Kopie und Original völlig autonom die Waage halten, wie Picasso aus Cranachs vornehm gemaltem Damenporträt ein kubo-expressionistisches Linolschnittspektakel macht oder wie ältere (Rubens) und moderne (Giorgio de Chirico) als Kopierer ihrer selbst auftreten.

Freilich konnte all das nicht vollständig oder annähernd erschöpfend in Karlsruhe zusammengetragen werden, aber die Fülle der Exponate ist beachtlich – es sind über 100 Titel von rund 80 Künstlern zu sehen. Dürer, zumal der junge, hat ohnehin Termin in Nürnberg, aber immerhin ist u.a. sein Kupferstich »Das Liebespaar und der Tod (Der Spaziergang)« im Einsatz, flankiert von seitenverkehrten (!) Nachahmerbildern von Israhel van Meckenem, Wenzel von Olmütz, einem Monogrammisten HS und von jenem Marcantonio Raimondi, der wegen der Verwendung des (nicht seitenverkehrten) Dürer-Monogramms ein fragwürdiges Renommee erhielt – rund 70 solcher Arbeiten brachten ihm höchstwahrscheinlich den ersten Urheberrechtsstreit in der Kunstgeschichte ein. Eine grandiose Adaption gelang einem Niederösterreichischem Meister, der Dürers Holzschnitt der »Hl. Dreifaltigkeit« in seiner Gnadenstuhlskulptur von etwa 1520 aufgriff. Ähnlich spannend sind die Ölbild-Bearbeitung nach Dürers »Ritter, Tod und Teufel« sowie die Hinterglasvariante nach dessen »Adam und Eva«. Die Dürerblätter befindet sich im Besitz der Kunsthalle, genauso wie der Meister der Karlsruher Passion, dessen dramatischer Verismus eine Schuhnummer zu groß war für einen Straßburger Meister, der die Komposition sehr bemüht, aber mit eingeschränkten qualitativen Mitteln aufgriff.

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Die Künstler scheuten allerdings auch nicht davor zurück, sich selbst zu kopieren. Diese Praxis reicht – sehr eklatant – von Lucas Cranachs Bildnis von Philipp Melanchthon aus den 1530er Jahren bis zu Chiricos »Piazza d’Italia« aus den 1950er Jahren. Das Zeitalter der ästhetischen Reproduzierbarkeit ist rezeptionsgeschichtlich nicht minder interessant als das der technischen. Die Cranach-Werkstatt unterhielt etwa eine Abteilung zur Serienproduktion, deren Ausläufer noch Jahrzehnte Wirkung zeigten – man denke an die Melanchthon-Version, die der jüngere Lucas Cranach 1551 schuf.

Nicht gering ist auch die Künstlerverehrung als Motor zur Aneignung eines fremden Vorbildes: Hier sind Francisco de Goya zu nennen mit seiner radierten Hommage an die »Meninas« von Velazques oder Marie Ellenrieders und Anton Hilles Verbeugungen vor Raffael. Und selbst Anselm Feuerbach ließ sich von dem ganz anderen Temperament Tizians inspirieren, wie auch Gustave Courbet auf Frans Hals zurückgriff. Das ging so weit, dass die Umsetzung einer Vorlage wie im Fall von Van Goghs »Pieta«-Darstellung überhaupt den Betrachter auf die Spur des Delacroix’schen Originals brachte, das wohl nicht zu den bekanntesten Arbeiten gehört. Darüber hinaus kann die Kopie eine Reflexion über die Originalität an sich beflügeln, für die kaum ein Werk besser geeignet wäre als Marcel Duchamps »Flaschentrockner«. Und nicht zuletzt spielt bei dem Thema auch die Re-Inszenierung eine beachtliche Rolle, wenn man die ironischen Qualitäten mit berücksichtigt: ganz außerordentliche Lösungen schlagen hier Gegenwartskünstler wie Hiroshi Sugimoto (mit Blick auf Hans Holbein), Hubert Becker (mit einer irritierenden Modell-Inszenierung zu einem Foto von Thomas Struth) oder Tatjana Doll (die Picassos »Guernica« nahezu parodistisch nach malt) vor.

Die Karlsruher Ausstellung will keine Nachahmer bloßstellen, sondern sie adelt die Originalität der Wiederholung. In der Konsequenz führt sie nur weiter, was in der Kunstgeschichte längst bekannt ist (und was in der Literatur noch offensichtlicher ist): In jedem Bild stecken Hinweise auf ältere Bilder – von der Assoziation über die vergleichbare Motivation und das Zitat bis hin zur Imitation. Und wie atemberaubend selbst diese noch ist, zeigen Elaine Sturtevants mit vollem Einverständnis des Urhebers entstandene »Warhol Fowers« und noch mehr die Jackson-Pollock-Revivals von Mike Bidlo und Klaus Mosettig, die gewissermaßen legalen Halbgeschwister der Pollock-Fälschungen, die gerade dieses Jahr Furore machten. Die Bedeutung der Schau in der Kunsthalle liegt sicherlich auch an derartigen Quer- und Längsverweisen, den Seitenpfaden, die künftige Ausstellungen weiterverfolgen könnten – etwa auch im Vergleich zu den Wiederholungsstrategien in der chinesischen Kunst und Kultur. Nicht von ungefähr bezieht die Ausstellung YouTube mit ein, hat sich doch im Netz eine so muntere wie halbseidene Kopiertradition entwickelt, die man kritisieren aber kaum mehr aus der Welt schaffen kann. Die längst öffentliche Debatte zieht ins Museum ein, das ist gut. Und mit dem fulminanten, auch theoretisch bis in ein exzellentes Glossar hinein bestens unterfütterten Katalog ist auch gleich die Basis geschaffen, diese Debatte auf höchstem Niveau führen zu können.