Ausstellungsbesprechungen

Faszination für das Ungewöhnliche - Die Sammlung Olbricht in der Ausstellung »Gediegenes und Kurioses« im Museum Folkwang Essen und in der »Wunderkammer« des me Collectors Room Berlin

Straußeneier neben Skulpturen, Hörner oder Schädel exotischer Tiere gemeinsam mit prächtigen Pokalen oder filigranen Schmuckstücken, Reliquien und Korallen, Mineralien und Miniaturen – eine Fundgrube von kuriosen und schönen Gegenständen ist noch bis zum 30. Oktober 2016 in Essen und bis auf weiteres in Berlin zu erleben. Susanne Braun hat sich beide Schauen angesehen und ist beeindruckt.

Eine der wabenartigen Vitrinen ziert das erstaunlich weiße Gebiss eines Hais. In einer weiteren reckt ein mit Maden und Fliegen übersäter Schädel mit Clownsnase seine stacheligen Teufelshörner gen Himmel, während er mit seinem einzigen noch verbliebenen Auge rollt und die Zähne bleckt. Andere zeigen präparierte Tierkörper, manche davon wirken sehr lebensecht und sind in einer Art »natürlicher« Umgebung platziert worden, andere schwimmen etwas unscheinbarer in Glasgefäßen. In einer weiteren präsentiert ein Mädchen mit großen Augen, weißem Porzellanteint und kurzem Rock ein rosa-weiß marmoriertes Kotelett, als wäre es eine Trophäe. Wieder andere Vitrinen zeigen Kult- und Heiligenfiguren, Schmuck, aufwendig verzierte Pokale, kitschige Frauenbüsten, Lastwagen, Apothekergefäße aus unterschiedlichen Ländern und Epochen, eine auf dem Kopf einer hölzernen Frauenfigur thronende Weltkugel, aber auch Tierskulpturen von Ewald Mataré oder ein streng geometrisches, goldenes Kreuz von Gerhard Richter. Die von der Natur geformten und von Menschenhand gefertigten Exponate lassen sich nicht immer unmittelbar voneinander unterscheiden. Die Ausstellung »Gediegenes und Kurioses« im Museum Folkwang erscheint nicht nur wie eine Reise durch die ganze Welt, sondern vor allen Dingen auch zu den Anfängen jeglicher Formgebung in Design und künstlerischer Gestaltung.

Nachempfunden ist sie den Wunderkammern, mit denen sich im 16. und 17. Jahrhundert vorwiegend Fürstenhäuser schmückten und die als Vorläufer moderner Museen gelten. Charakteristischerweise gibt es in einer Wunderkammer Naturpräparate (Naturalia), Kunstwerke (Artificialia), wissenschaftliche Instrumente und Maschinen (Scientifica), aber auch Objekte aus fremden Welten (Exotica) und Unerklärliches (Mirabilia) zu sehen. Der Arzt und Sammler Thomas Olbricht hat diese Tradition aus Renaissance und Barock wiederentdeckt und eine eigene Sammlung aus aller Welt zusammengetragen, deren Exponate im Museum Folkwang in Essen im Rahmen der Ausstellung »Gediegenes und Kurioses« und unter dem Titel »Wunderkammer« im me Collectors Room in Berlin zu sehen sind.

Ganz besonders spektakulär ist die Ausstellungsarchitektur im Museum Folkwang. Dort haben Los Carpinteros (dt.: die Schreiner) aus Havanna ein riesiges Iglu-artiges Konstrukt voller wabenartiger Fächer aus Holz und Glas geschaffen, von denen 188 für Ausstellungsgegenstände nutzbar sind. Ganz unten befinden sich Exponate, die vor allen Dingen Kinder interessieren könnten, sonst ist keine Ordnung, nach der die Exponate arrangiert worden sind, auszumachen. Folgt man dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp, steht die Ausstellung damit ganz in der Tradition der ersten Wunderkammern. In ‚Bilder bewegen. Von der Kunstkammer zum Endspiel‘ schreibt Bredekamp: »Augenscheinlich ging es bei der Platzierung der Kunstkammerobjekte nicht so sehr um eine säuberliche Trennung der verschiedenen Bereiche, sondern um die Inszenierung schöpferischer Unordnung. Mit purer Regellosigkeit ist diese jedoch keineswegs zu verwechseln. Vielmehr lag ihr intellektueller Anspruch darin, die Sammlungsobjekte in ein Netz des assoziativen und grenzüberschreitenden visuellen Austauschs zu spannen und auf diese spielerische Weise sowohl die äußere wie auch die Innere Natur des Menschen zu erkunden«. Mit dieser Vorgehensweise knüpft die Sammlung Olbricht auch an die Grundidee des Museum Folkwang an, wo es dem Anspruch nach vor allen Dingen um die »Zusammenschau von Werken antiker und nicht-europäischer Kulturen mit avantgardistischer Kunst aus Europa« gehen soll, wie es Hans-Jürgen Lechtreck in dem Katalog zur Ausstellung formuliert.

Berlin gehört zu den Städten, in denen Kurfürst Joachim II. bereits im 16. Jahrhundert eine eigene Wunderkammer gegründet hat. Ungefähr seit dieser Zeit haben europäische Händler einen intensiven Tee- und Gewürzimport aus Asien betrieben und hatten oft einige Aufsehen erregende Mitbringsel im Gepäck, die spektakuläre Publikums-Attraktionen waren. Die Berliner Wunderkammer wurde allerdings im 30-jährigen Krieg fast vollständig zerstört und deren Exponate sind später auf mehrere Museen verteilt worden.

Die »Wunderkammer« der Stiftung Olbricht, die es jetzt im me Collectors Room in Berlin zu sehen gibt, hat eine etwas andere Ausrichtung als die Essener Ausstellung. Hier liegt der Schwerpunkt etwas mehr auf »Exotica« und »Mirabilia« sowie der Seefahrt. In den mit zahlreichen Exponaten aus unterschiedlichen Kontexten bestückten Vitrinen stechen klassische »Vanitas«-Symbole wie Totenschädel oder Skelette deutlicher ins Auge. Die Reisen der europäischen Händler waren gefährlich, viele kamen auf ihren Reisen um. Ein Gemälde zeigt einen Seefahrer mit ernsten Augen neben Seekarten und Navigations-Instrumenten in unmittelbarer Reichweite eines Totenschädels, typisches Symbol für die Vergänglichkeit menschlichen Lebens. In den Vitrinen lassen sich zahlreiche weitere Gegenstände finden, die in einem Zusammenhang zur Seefahrt stehen. Dazu gehören Miniaturschiffe aus Holz, Heiligenfiguren, handwerklich besonders schön gestaltete Rosenkränze oder Mitbringsel wie der Kokosnuss-Pokal des Weltreisenden Alexander von Humboldt mit Darstellungen brasilianischer Kannibalen. Dabei wird die Faszination, die die fremdartigen und für einen Europäer oft nur schwer einzuordnenden Gegenstände auf ihre Betrachter ausgeübt haben müssen, lebendig. Ganz besonders deutlich zeigt sie sich am Beispiel des Zahns eines Narwals, der früher zunächst für ein Einhorn gehalten und erst deutlich später seines Mysteriums beraubt und streng wissenschaftlich zugeordnet werden konnte.

Auch ein ausgiebiger Besuch beider Ausstellungen gibt kaum die Möglichkeit, allen Exponaten die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Der Katalog macht es möglich, die vielen Exponate noch einmal gründlich und mit exakten Angaben zu studieren und dabei viel Neues zu entdecken.