Rezensionen

Benjamin Schmid: Politisches Denken und Architektur im Mittelalter. Brill/Wilhelm Fink Verlag

Wie die Architektur zu einer Grundlage des politischen Denkens wurde und wie Architektur dieses Denken beeinflusste – es ist eine »etwas andere Geschichte des Mittelalters«, die Benjamin Schmid in seiner Publikation erzählt. Der Gang in die Tiefen der mittelalterlichen Denkräume birgt viel Interessantes. Ulrike Schuster ist ihm mit Freude gefolgt.

Brill/Wilhelm Fink © Cover
Brill/Wilhelm Fink © Cover

Ursprung aller Politik ist die Architektur, stellt Benjamin Schmid fest und umreißt damit kurz und präzise den Gegenstand seiner Darstellung. Er verweist auf den doppelten Sinn des Begriffes der griechisch–antiken Polis wie auch des lateinischen Begriffes der civitas, der als Gemeinschaft der Bürger ebenso aufzufassen ist wie als topographischer, architektonisch geformter Ort. Bereits in der Antike erhob sich in diesem Zusammenhang eine Diskussion um die Notwendigkeit von Mauern, und schon damals sah man ihre zweifache Funktion, indem sie einerseits vor Bedrohung von außen schützten wie unerwünschte Teile der Bevölkerung ausgrenzten. Eine Debatte, die heute so brisant ist wie eh und je! Schmid verfolgt den Diskurs über Architektur und Politik, im Spiegel von schriftlichen Dokumenten, theologischen Schriften und Literatur, vom Ausgang der Antike bis an die Schwelle der Neuzeit. Seine Dissertation wurde 2017 an der Universität der Bundeswehr München vorgelegt, die eine Fakultät für Humanwissenschaften führt – der Verfasser bekleidet dort inzwischen eine Professur für Politische Theorie. In seinem Buch führt er eine profunde Auseinandersetzung mit seinen Quellen zur mittelalterlichen Architekturtheorie, ein pragmatischer Ansatz und eine geradlinige, schnörkellose Argumentation gestalten das Thema einprägsam gut verständlich.

Der erste Teil der Publikation handelt vom Prozess des stetigen Bedeutungswandels der Architektur zugunsten ihrer signifikanten Aufwertung. Am Anfang der mittelalterlichen Weltsicht steht zunächst die proklamierte Bedeutungslosigkeit alles irdischen Materials. In der weltflüchtigen Stimmung des frühen Christentums findet sich die Baukunst zunächst mit ausgesprochen schlechter Presse behaftet wieder. Der erste Architekt der Bibel ist Kain, der gegen Osten zog und die Stadt Henoch gründete. Sodom und Gomorrha und insbesondere Babylon stehen für eine Architektur der Sündhaftigkeit. Das Vergehen Kains wiederholte sich, so Augustinus, in der Gründung Roms, denn wie Abel wurde auch Remus von seinem Bruder erschlagen. Ein doppelter Brudermord mit weitreichenden Folgen: »Der Gewaltakt wird somit zu einem prägenden Ereignis für die Anfänge der Architektur verwobenen irdischen Staatlichkeit.« Allerdings liefert die Schrift auch positive Bilder des Bauens, vom umfriedeten Paradiesgarten bis zur glanzvollen Erscheinung des Himmlischen Jerusalems, dem idealen Topos des Mittelalters schlechthin.

Im Kanon des frühmittelalterlichen Bildungsprogrammes, er basiert auf einem Lehrgedicht von Martianus Capella aus dem 4. oder nachchristlichen 5. Jahrhundert, rangierte die Architektur (wie übrigens auch die Medizin) hinter den sieben freien Künsten in der nachgereihten Kategorie der mechanischen Künste, da ihre Sorgfalt den irdischen, nicht den himmlischen Dingen gelte. In dieser abwertenden Haltung, hierin verweist Schmid auf Umberto Eco und Jacques Le Goff, spiegelt sich gleichwohl der Ausdruck einer feudalgesellschaftlichen aristokratischen Ideologie, die das Handwerk für minderwertig erachtete. Die christliche Auslegung, wonach die Mühsal der schweren körperlichen Arbeit als Strafe des Sündenfalls galt, verband sich mit einem schon in der Antike anzutreffenden Argwohn gegenüber der arbeitenden Landbevölkerung. Bezeichnenderweise wurden die Bauern lange Zeit mit den »unwissenden Heiden« gleichgesetzt. Die Ausbreitung der Klöster indes und eine monastische Mentalität, die sich dem benediktinischen Motto ora et labora verpflichtet fühlte, führte zu einer ersten gewichtigen Aufwertung in der Wahrnehmung von körperlicher Arbeit. Nachhaltig veränderte sich diese Einstellung mit dem Aufstieg der Städte und dem damit verbundenen Aufschwung für Handwerk und Handel. Die Werktätigkeit wurde so nachhaltig aus dem Kontext der Sündhaftigkeit gelöst, dass schließlich nicht mehr die Arbeit, sondern ganz im Gegenteil der Müßiggang zunehmend auf Ablehnung stieß.
Der dynamische gesellschaftliche Wandel befreite die Architektur von ihrem Kainsmal, was in den Schriften der mittelalterlichen Denker einen deutlichen Niederschlag fand. Hugo von St. Viktor (um 1097–1141) und Vinzenz von Beauvais (zwischen 1184/1194 – um 1264) leiteten die Herkunft der Baukunst nunmehr von der mythologischen Gestalt des Dädalus ab, dem wiederum Minerva seine Kenntnisse vermittelt hätte. Ganz im Sinne Vitruvs unterschied man nun zwischen dem Architekten, der für den Entwurf seines Plans über Wissen und Bildung verfügen musste, und der Tätigkeit des ausführenden Handwerkers. In der politischen Theorie gewann die Architektur vor allem Gewicht in Bezug auf die Formung der städtischen Gemeinschaft und man unterschied im Diskurs zwischen der urbs (der baulichen Ausformung der Stadt) und der civitas (der Gemeinschaft der Einwohner). Brunetto Latini (um 1220–1294), der väterliche Freund Dantes, setzte ein gutes Hauswesen in Analogie mit einem geordneten Staatswesen. Seiner Auffassung gemäß stellte sich die Architektur in den Dienst einer Ethik, die sich dem Gemeinwohl verpflichtete. Nicht von ungefähr orientierten sich politische Gedanken oftmals am Modell der prosperierenden Kommunen Oberitaliens. Wo nach außen hin Mauern, Tore und Türme die Stadt repräsentierten, entwickelte sich nach Innen der Stadtplatz als das architektonische Symbol kommunaler Selbstregierung. Einen eindrucksvollen bildlichen Niederschlag finden die Reflexionen von Stadt und Gemeinwesen in der komplexen Allegorie Ambrogio Lorenzettis (um 1290–1348) im Palazzo Publico in Siena.
Als Wermutstropfen ist an dieser Stelle anzumerken, dass der Abbildungsteil etwas spärlich ausgefallen ist. Grundsätzlich ist es ein guter Gedanke, dass Text in der Publikation separat für sich steht und die Bilder sich nicht in den Vordergrund drängen – doch ein wenig mehr hätte man trotzdem gerne gesehen.

Im zweiten Teil des Buches unternimmt der Autor den ausgesprochen interessanten Versuch, Denkräume des Mittelalters zu verorten. Er untersucht die aus der Antike hergeleiteten Topoi von der Ruhe und der Muße auf dem Land, wie auch dessen Gegenstück, dem Lärm und den Ablenkungen in der Stadt. Am letzeren Ort bestand gleichwohl weitaus mehr Möglichkeit zum fachlichen Austausch. Als typisch mittelalterliche Motive beschreibt er die Denkerpose des Walther von der Vogelweide und den Gelehrten »im Gehäus«, also in seiner Studierstube von Büchern umgeben. Vom Potential städtischer Bibliotheken schlägt er den Bogen zum Werdegang der Universitäten im Mittelalter und kommt zu einem überraschenden Befund: in den frühen Jahren habe sich, bedingt durch fehlende Lokalitäten, der universitäre Lehrbetrieb nicht selten im öffentlichen Raum, auf den Straßen und Plätzen der Stadt abgespielt. Das Defizit an organisierter Infrastruktur jedoch habe zugleich einen öffentlichen Diskurs begünstigt der Wissbegier und Diskussionsfreude verband sowie die Bereitschaft zu Widerspruch, Kritik und Nachfrage förderte.

Zur Gewähr zitiert Schmid einen Brief des heiligen Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153), der sich vehement darüber beschwerte, dass die Pariser Studenten offen auf den Straßen die Thesen seines Gegenspielers Petrus Abaelardus (1079–1142) debattierten. Indes, es zeichnete sich bald schon eine entgegengesetzte Entwicklung ab. Mit der zunehmenden Institutionalisierung ab dem 13. Jahrhundert wanderte der universitäre Betrieb zurück in die Hörsäle, wurde örtlich fixiert und war damit leichter dem kontrollierenden Zugriff von Kirche und politischer Obrigkeit zugänglich. Der Preis hierfür war in langer Folge eine Erstarrung des Denkens, jene vielgelästerte Verknöcherung und Versteinerung der Scholastik, aus deren Umklammerung sich erst die Universalgelehrten, Denker und Humanisten der frühen Neuzeit langsam zu lösen vermochten.


Benjamin Schmid, Politisches Denken und Architektur im Mittelalter
Brill | Wilhelm Fink Verlag
438 S., 57 Farb– und s/w Abb.
ISBN: 978–3–7705–6513–9

Diese Seite teilen