Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland im April und Mai 2010

Das Saarland öffnet im April und Mai 2010 wieder allen Kunstinteressierten die Pforten zu verführerisch mitreißenden, scharfsinnig provozierenden, nachdenklich stimmenden und das Auge des Betrachters beglückenden Werkpräsentation in Galerien und Museen. Unsere Autorin Verena Paul stellt Ihnen einige Highlights der saarländischen Frühjahrsausstellungen vor.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Im Westen viel Neues

In Bexbach zeigt die Produzentengalerie Köcher noch bis zum 16. April 2010 mit cogovalmer einen temporeichen, ästhetisch hochwertigen und nicht selten kühnen Kunstdialog der Arbeiten von Brunhilde Gierend und Peter Köcher, die sich vom flirrenden Licht, der intensiven Farbigkeit und der markanten Atmosphäre des französischen Südens inspirieren ließen.

Mit Valle Impero zeigt die galerie m beck in Homburg/Schwarzenacker vom 16. April bis 26. Mai 2010 die Arbeiten der Hamburger Künstlerin Verena Vernunft. Nonfigurative, sanft fließende Formationen in beruhigenden Farbchangierungen und filigrane Konturen, die Akzente im Gesamtgefüge der Bilder setzen – das sind dominante Elemente, die die Werke der Künstlerin auszeichnen. Mit viel Gefühl nähert sich Verena Vernunft ihren Sujets und entlockt dem Bildträger Klänge, die den Betrachter zum Träumen animieren.

Am 24. und 25. April 2010 sind in der ehemaligen Schlosserei Heinrich Wolf in Kirkel-Altstadt fotografische Werke von Ernst Alexander (Köln), Bernd Saller (Pohlheim), Stefan Kiefer (Blieskastel) und Thorsten Wolf (Kirkel) zu sehen.
Thorsten Wolf über das Projekt: »Die Ausstellung »... mal so gesehen« widmet sich dem Menschen. Saller liefert klassische Reportagefotografie in Schwarz/Weiß, eine Serie, aufgenommen vor 25 Jahren in einer Psychatrie. Ernst Alexander bietet mit seinen teils trashigen Aufnahmen tätowierter Menschen dazu einen Kontrapunkt. Mit den Bildern von Stefan Kiefer rundet sich das Thema Mensch dann auf eine ganz andere Art und Weise ab«, denn Kiefer nähert sich dem Menschen, indem er dessen Präsenz im Bild mehr erahnen denn wirklich erkennen lässt. Dabei spielen – etwa bei der Arbeit »Karussel« – vor allem Dynamik, das Spiel mit Schärfe und Unschärfe eine wichtige Rolle. Wolf selbst wird die Präsentation mit einigen Aufnahmen aus seiner Serie der aktuellen Cinetographien ergänzen, die Geschichten des Menschen erzählen und »in einer Mischung«, wie er sagt, »aus videographischen und fotographischen Techniken« bestehen. Dies ein Projekt, das ich nicht nur aufgrund der vielschichtigen und bisweilen antagonistischen Herangehensweise an das Thema »Mensch« interessant finde, sondern auch und vor allem wegen der qualitativ hochwertigen Umsetzung im Medium Fotografie nur empfehlen kann.

Die Städtische Galerie in Neunkirchen präsentiert vom 16. April bis 6. Juni 2010 mit Häutungen Malerei und Zeichnungen von Bettina van Haare, der es in ihrer Kunst gelingt, Gegensätze zu verschmelzen, die größer kaum sein könnten. Ihre eindringlichen Darstellungen des fragmentierten, oft deformierten weiblichen Körpers, der die Spuren von Alter und Schmerz, aber auch konzentrierte Lebensenergie enthüllt, setzt die Künstlerin mit Versatzstücken der Alltagsrealität, mit Plastikbeuteln, Häkeldeckchen, Pfannkuchen und Autoreifen oder auch mit Tieren wie Pferden, Schafen oder Flamingos in ein überraschendes bildliches Bezugsystem. »Meine Arbeiten«, so Bettina van Haaren, »sind Selbstbilder, weil ich über mich und meine Körpererfahrungen am meisten sagen kann. Ich versuche, mich mit unterschiedlichen formalen Ansätzen unbekleidet wahrzunehmen, Teilaspekte schonungslos offen zu erkunden, mich zu bestimmen und ein Verhältnis zum Körper herzustellen.« Diese Arbeiten machen betroffen, provozieren und stimmen uns nachdenklich, was nicht zuletzt aus der ihnen innewohnenden bizarren Schönheit resultiert.

Bis zum 6. Juni 2010 präsentiert das Saarlandmuseum in Saarbrücken in der ersten musealen Einzelausstellung Vincent Tavenne unter dem Titel Polarise-toi dessen Werke, die einer breiten Öffentlichkeit in den letzten Jahren besonders in Gestalt der aufsehenerregenden textilen Zelt-Objekte bekannt geworden sind. Tavennes Schaffen kreist immer um die Vorstellungs- und Erlebnisweisen des Raumes. Als Maler wie als Bildhauer bringt er dabei die unterschiedlichsten Techniken, Formate und Materialien zum Einsatz: Neben architektonischen Stoff- oder Holzskulpturen von monumentalem Ausmaß erstellt er fragile Objektassemblagen, entwickelt konzeptuell geprägte Malereien auf Papier oder schafft Bronzegüsse von surreal verfremdeten Gegenständen des alltäglichen Konsums. Indem sich der Betrachter diese Werke in der prozesshaften, eigenleiblichen Bewegung erschließt, wird er selbst zum Teil der skulpturalen Situation. Die erste museale Einzelausstellung des Künstlers präsentiert neben neu geschaffenen, raumbezogenen Stoffskulpturen auch großformatige Gouache-Zeichnungen sowie skulpturale Objekte aus verschiedenen Werkphasen.

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Mit der Ausstellung Basislager zeigt die Stadtgalerie in Saarbrücken vom 1. Mai bis 13. Juni 2010 die Bilder Mane Hellenthals, die auf persönlichen Erinnerungen und zum großen Teil auf Fotografien von Menschen, Orten und Dingen, die für die Künstlerin von Bedeutung waren, basieren. Das können Familienfotos, Bilder sowohl von Fernsehstars oder Bergen als auch von »provinziellen Bauwerken« wie Hochsitzen, Feuerwehrtürmen und Kurhäusern sein. In ihren Werken transformiert Hellenthal mit verschiedenen Techniken diese subjektiven Erinnerungsstücke zu Vorstellungen unseres kollektiven Gedächtnisses, auch zu der Frage, in welchen Erinnerungen man »Heimat« findet. Oft spielen dabei eincollagierte »häusliche« Elemente wie Tischdecken, T-Shirts oder Bettbezüge eine zentrale Rolle. Das sind Arbeiten, die mich vom ersten Augenblick an faszinieren, da sie Widersprüche und Spannungen gekonnt ausbalancieren und auf eine höchst ästhetische Weise miteinander verschmelzen.

Bis zum 18. April 2010 zeigt die Galerie des Saarländischen Künstlerhauses in der Ausstellung konterkariert. Malerei und Zeichnungen von Hans Huwer. In seinen Arbeiten konstruiert der Künstler eine systematische Ordnung, um sie im selben Augenblick kritisch in Frage zu stellen. Diese Doppelbödigkeit ist charakteristisch für seine Kunst, die sich in jenem spannungsreichen Entstehen Freiräume schafft. Ein strenges Rastersystem von horizontal und vertikal in Karton geschnittenen Linien bildet den Ausgangspunkt von Huwers künstlerischem Schaffen. Daraufhin werden die Farben mit Liebe zum Detail aufgetragen. Wenngleich die geometrische Grundordnung erkennbar bleibt, wird sie dennoch durch die konsequente Einbeziehung des Zufalls in den Schaffensprozess unterwandert. Insofern entstehen in den mit Tuschelösungen getropften Bildern sowie den Kreidezeichnungen Werke von ästhetischem Reiz und sinnlicher Ausstrahlung. Parallel zur Ausstellung Hans Huwers sind im Studio der Galerie Anne Harings »Raumkörper WXVIII« und im Studioblau die Raum-Video-Sound-Projektion »dpi, Printer Piece 5« von Barbara Hindahl zu sehen, die sich mit der Absurdität der bildnerischen Gemeinsamkeiten, der schnellen Lesbarkeit und Aufeinanderfolge von konträren Themenbereichen auseinandersetzen. Dem Besucher begegnen Bilder von Streiks, brennenden Fahnen, Kriegsgebieten und Krisenherden, die sich mit Darstellungen von offiziellen Treffen von Staatsführern und aus der gehobenen Gesellschaft spannungsreich abwechseln.

Die Galerie Besch in Saarbrücken zeigt noch bis zum 17. April 2010 in der Ausstellung Was schaut zurück? die Arbeiten der 1965 in Wadgassen geborenen Künstlerin Vera Kattler. Dabei steht der eindringliche und bisweilen irritierende Augenkontakt mit fremden Wesen sowie die intensive Auseinandersetzung mit der Farbe im Fokus der Künstlerin. Im Ankündigungstext heißt es: »Auch wenn das Motiv noch so fesselt – denn unsere Augen können im Anblick von Augen sich nicht entziehen – so führt der eingefangene Blick des Betrachters im nächsten Schritt dazu, die Vielfalt und Feinheit der farbigen Durchdringungen wahr zu nehmen. Die Wahrheit der Malerei geht durch die Augen: Was schaut zurück?«

Der Rundgang durch die Ausstellung Epiphaneia im Museum Haus Ludwig in Saarlouis, die bis zum 2. Mai 2010 zu sehen sein wird, gestaltet sich wie ein Streifzug durch die Kunstgeschichte des Abendlandes: Während uns einerseits griechische Vasen der Antike begegnen, treffen wir andererseits in einem spannenden Wechselspiel auf erlesene Beispiele künstlerischer Druckgrafik von den frühen Kupferstichen aus der Hand Albrecht Dürers (1471–1528) oder aus den Werkstätten Raffaels (1483–1520), zu denen er eigenhändig Zeichnungen seiner berühmten Gemälde lieferte. Weiterhin erhält der Besucher erschütternde Einblicke in die »Gräuel des Krieges« von Francisco de Goya (1746–1828), begegnet den satirischen Persiflagen der antiken Helden von Honoré Daumier (1808–1879) während der turbulenten Jahre der bürgerlichen Revolution im 19. Jahrhundert sowie den meisterhaften Radierfolgen Max Klingers (1857–1920), die er zu Ovids »Metamorphosen« und anderen antiken Mythen geschaffen hat. Die Ausstellung endet mit Radierungen von Pablo Picasso zum »Minotaurus« und anderen Mythen, die mit größtem Einfühlungsvermögen dem Geist der Antike nachempfunden sind.

Missverständnisse haben oftmals eine komische Komponente und kommen daher als effektvolles Stilmittel in Literatur, darstellender und bildender Kunst zum Einsatz. Die Ausstellung Missverständnisse. Stolpersteine der Kommunikation, die bis 13. Juni 2010 im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen zu sehen ist, widmet sich den Ursachen, Formen und Folgen missverständlicher Kommunikation und fördert dabei eine breite Palette an interessanten, lustigen sowie skurrilen Fallbeispielen zutage. Entstanden ist eine bunte Schau, die unterhaltsame Anekdoten mit den wissenschaftlichen Hintergründen zwischenmenschlicher Kommunikation verbindet.

»Es gibt Werke,« hat Oscar Wilde einmal gesagt, »die warten und lange unverstanden bleiben, weil sie die Antwort auf Fragen bringen, die noch nicht gestellt wurden. Die Frage kommt lange nach der Antwort.«. Vielleicht sollten wir deshalb Werken mit der dem Menschen angeborenen Neugierde begegnen und es wagen, Fragen in den Raum zu stellen, die nicht immer bequem sind. Denn nur so können wir mehr über unser Gegenüber – und bisweilen uns selbst – erfahren, in Ansätzen Entwicklungen, Spannungen und Brüche verstehen und die ihm eingeschriebene Schönheit bereichernd erleben – dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!